Die früheren Trachten in unserer Gemeinde

Die früheren Trachten in unserer Gemeinde

Während Kredenbach aufgrund der Zugehörigkeit zur Grafschaft Wertheim schon um 1580 den lutherischen Glauben annahm und sich von der Pfarrei Esselbach löste, blieb das ebenfalls wertheimische Steinmark wohl wegen der großen Entfernung zu den nächsten evangelischen Kirchen in Michelrieth und Kreuzwertheim, zunächst beim alten Glauben. Doch 1617/18 mussten auch die Steinmarker als Reaktion auf die Gegenreformation zwangsweise die Konfession wechseln.

Bedingt durch diese konfessionelle Trennung haben sich die Trachten in den Orten der heutigen Gemeinde Esselbach unterschiedlich entwickelt. In Esselbach gab es die gemeinsame Tracht von Esselbach, Oberndorf und Bischbrunn. In Steinmark und Kredenbach war die Tracht des Michelriether Kirchspiels der Wertheimer Grafschaft zuhause. Esselbach wechselte zusammen mit den benachbarten Dörfern Oberndorf und Bischbrunn bei den Männern etwa im 18. Jahrhundert von grünen auf blau gefärbte Überröcke, während in der Grafschaft die Farbe grün für die Arbeitstracht beibehalten wurde.

Durch die Poststation kamen häufig Reisende nach Esselbach. 1852 berichtet der Engländer Charles Tylor von seiner “historical tour in Franconia in the summer” von der damals hier allgemein getragenen Tracht der Männer und beschreibt sie als bei Jung und Alt identisch. Von ihm ist auch eine Skizze eines Esselbacher in Tracht überliefert, leider nur mit Ansicht von hinten.

Die ehemalige Esselbacher Tracht vor der Kulisse des Würzburger Doms.

 

Zeichnung der Esselbacher Tracht

Die Zeichnung wurde für eine Festschrift der Heimat- und Wanderfreunde Oberndorf/Bischbrunn angefertigt.

Die Tracht der drei katholischen Grunddörfer wurde lange Zeit von der Trachtengruppe der Heimat- und Wanderfreunde bekannt gemacht.

Landgerichtsarzt Dr. Ludwig Döring, der als Bezirksarzt in Stadtprozelten tätig war, schreibt im Jahr 1861 über die Kleidung der Bewohner Esselbachs, Oberndorfs und Bischbrunns:

“Ein dreieckiger Hut, durchweg leinene grobe Hose, dergleichen Kittel, meistens Schuhe und eine schwarze baumwollene Halsbinde bilden den werktäglichen Habit. Im Winter wird noch eine solche leinene Hose als Unterhose benützt. Die Sonntagskleidung besteht aus einem großkrempigen dreieckigen Hute, einem blautuchenen dunklen langen Oberrocke, einer Sommerhose und einer tuchenen Weste. Silberne Knöpfe oder Schnallen sind nicht zu erblicken.

Ziemlich kurze Röcke, ein kurzes tuchenes Leibchen und Kittelchen, Stiefelchen von schwarzem oder dunkelblauem Tuche und ein sehr niedliches kleidsames Häubchen, insgemein aus rothem Stoffe mit schwarzen Bändern, des Werktags baumwollen, an Sonn- und Feiertagen seiden, verziert, unter welchem das üppige Haupthaar schön gescheitelt herausblickt, verleihen den Spessarterinnen ein hübsches Aussehen.

Die Werktagskleidung hat denselben Schnitt und besteht nur aus geringeren Stoffen, z.B. leinenen Kittelchen und gefärbten leinenen Röcken.“

Esselbach 2005

Die Esselbacher Tracht vor dem historischen Pfarrhaus in Esselbach, gezeigt von den Heimat- und Wanderfreunden Oberndorf/Bischbrunn beim Jubiläumfestzug der Esselbacher Feuerwehr im Jahr 2005.

In Esselbach selbst kam man wegen des Einflusses der Poststation und der vielen Reisenden schon um 1880 vom Tragen der angestammten Tracht ab. Tracht war nicht mehr modern und man versuchte, sich wie die Städter aus den Postkutschen zu kleiden. In Bischbrunn und Oberndorf hielt sich die Tracht dieser drei Dörfer länger.

Dass die Tracht heute noch existiert, ist den Familien Bernhard und Klara Englert aus Aschaffenburg und Waldemar und Helga Engelhardt aus Oberndorf sowie den Heimat- und Wanderfreunden Oberndorf/Bischbrunn zu verdanken. Mit Unterstützung von Sammlern, Museen und Bürgern konnten teilweise in letzter Minute Trachtenteile gerettet und damit ein Stück Heimat und heimatlicher Kultur erhalten werden.

Oberndorf Kindertanzgruppe 2006

Bei den Heimat- und Wanderfreunden gab es zeitweise auch eine Kindertanzgruppe in Tracht.

Steinmark, Kredenbach, Michelrieth, Altfeld, Oberwittbach, Eichenfürst und Glasofen werden auch „Grafschaftsdörfer“ genannt. Die sieben einst zur Grafschaft Wertheim gehörenden, protestantischen Orte setzen sich nicht nur in ihrem Glauben von der Umgebung ab. Auch ihre Tracht setzt eigene Akzente.

Steinmarker vor einem Festzug in Würzburg 1914

 

Für einen Besuch des Königs Ludwigs III. von Bayern im Jahr 1914 in Würzburg wurde ein Festzug gestaltete, bei dem Steinmark zweifach beteiligt war. Es gab einen Festwagen „Rauchender Kohlenmeiler mit Köhler und Kohlhütte“ und es wurde ein „Hochzeitszug aus der Grafschaft“ in der alten Grafschaftstracht zusammengestellt. Da waren dann Brau- und Brautjungfern mit den Flitterkronen oder hohen Kränzen ebenso zu sehen wie Bräutigam, Burschen und Männer mit Dreispitz, Hirschlederhosen und Kamisol. Vom Kind bis zum Großvater waren etwa 60 Personen aus Steinmark beteiligt. Der Festzug wartete am 28. Juni bereits zwei Stunden in den Würzburger Straßen, als die Nachricht vom Mord am österreichischen Thronfolger in Sarajewo kam. Der Festzug wurde abgesagt. In der Folge kam es am 2. August 1914 zur Mobilmachung und zum Ersten Weltkrieg.

Insgesamt existierten zehn verschiedene Ausführungen der „Wertheimer Tracht“. Man trug sonntags nicht das Gleiche wie werktags, zog sich zum Tanz um und zum Kirchgang und putzte sich für das Abendmahl noch einmal anders heraus.

Bei den Frauen gab es eine alte und eine neue Tracht. Bei der alten Tracht waren die Mutzen, die kurzen Jacken, rot und hatten rote Knöpfe. Ein Leible (Mieder) hatte an jeder Seite dicke Wülste, durch die die Hüften besser zur Geltung kamen. Außerdem trugen diese Wülste die Last der Unterröcke. Dazu wurden geblümte Hauben getragen. Die Schultern bedeckte ein viereckiger Kragen aus Seide mit rundem Halsausschnitt. Der plissierte Oberrock der Frauen war mit der Hand in viele kleine Falten gelegt. Dazu wurden bis zu neun Unterröcke getragen, je nachdem, wie viele man besaß. Das Mieder,

Die neue Frauentracht kam Anfang der 1890er Jahre auf. Kappe, Mutze, weißes Halstuch und Faltenrock wurden unmodern. Es blieb nur noch das Leible mit schwarzem Samt und aufgestickten bunten Blümchen.

Brauttracht in Steinmark

Hochzeitspaar aus der Grafschaft dargestellt von der Trachtengruppe die Glasf’lder 2011

Steinmarker Hochzeitspaar in alter Tracht nachgestellt 1914

Trachten Hochzeitspaar

Trachten Hochzeitspaar: Die Kleidung eines Hochzeitspaars in Tracht war bei einer Ausstellung im Jahr 2010 im Marktheidenfelder Franckhaus zu sehen. Besonders auffälliges Prunkstück war die Hochzeitstracht der Frauen. Sie hat vor allem wegen der von bunten Seidenbändern gehaltenen Braut- oder Flitterkrone Berühmtheit erlangt. Der Kopfschmuck der Braut und Brautjungfern zieht alle Blicke auf sich. Das Tragen der Krone braucht viel Disziplin. Schon das fachkundige Aufsetzen dieser Krone verlangt Erfahrung und Geduld. Mit geschickten Fingern wird der sogenannte Hohe Kranz, eine Brautkrone aus Zierblumen und Glasschmuck, im Haar befestigt. Die Kopfbedeckung des Bräutigams, ein Dreispitz, wird mit aufwendigem Blumenschmuck aus Seidenblumen verziert.

Die Männer trugen als Festtagstracht einen langen blauen Rock, der über das Knie reichte, den so genannten Kamisol. Er war aus glänzendem Tuch, hatte breite Ärmelaufschläge und große Taschen. Im Trauerfall wurde über dem blauen Kamisol noch ein schwarzes getragen. Diese Kamisole wurden nicht geknöpft, sondern offen getragen.

Zur Männertracht gehörte eine ursprünglich weiße, nach längerem Tragen meist graue hirschlederne Kniebundhose. Die Dauerhaftigkeit dieser Hosen war nahezu unbegrenzt. An der Hochzeit beschafft, wurde sie meist bis ins Greisenalter getragen. Sie steckte in hohen Schaftstiefeln. Dazu kamen ein weißes, flachsgewebtes Hemd mit Umliegekragen, eine schwarze Schleifenhalsbinde und ein mächtiger Dreispitzhut. Am Werktag wurde im Sommer eine Schirmmütze, im Winter eine Pelzkappe aufgesetzt. Wie ein Umhang wurde ein langer weiter Radmantel getragen.

Im benachbarten Glasofen sammelten in den 1950er Jahren Karl Werner und der Lehrer Georg Furkel die in den Grafschaftsdörfern getragenen Volkstrachten. Unterstützung fanden sie dabei auch bei Johann Adam Mohr aus Michelrieth. Daraus entwickelte sich die Trachtengruppe „Die Glasf’lder“ als Sparte des Gesangvereins, die seit vielen Jahrzehnten stolz ihre Tracht präsentiert.

Festzug in Glasofen 2016

Trachtenbild 1940

Ein im Jahr 1940 in Steinmark nachgestelltes Trachtenbild. Man sieht in der Mitte einen Burschen mit Grünkittel und Pelzkappe.

Wegen der grünen Kittel ihrer Alltagstracht wurden die Grafschaftler früher „Laubfrösche“ genannt. Der Überlieferung nach brachen die Wertheimer Gassenbuben im 19. Jahrhundert wegen dieser Bezeichnung gar in lautes „Quak quak“ aus, wenn sie einen Spessartbauern im grünen Rock trafen. Heute heißt in Erinnerung daran der Altfelder Karnevalsverein die „Laabfrösch“. Bei Regenwetter war der Grünkittel ein unbequemes Kleidungsstück, das sich mit Wasser voll saugte.

Unter Kamisol oder Grünkittel leuchtete „das Brusti“, eine Weste mit zwei Reihen Silberknöpfen mit 12 bis 15 Knöpfen pro Reihe, also insgesamt bis zu 30 Knöpfen. Das Brusti wurde lediglich beim Tragen des schwarzen Trauer-Kamisols weggelassen. Für die Steinmarker erfüllten diese Knöpfe auch die Aufgabe des Schoppenmerkens. Und das ging so:

Statt nach dem Kirchgang beim Wirt in Michelrieth anzuschreiben, wurde für jedes geleerte Schoppenglas ein Knopf geöffnet. Dabei soll es nicht nur einmal vorgekommen sein, dass noch ehe der Durst gestillt war, alle Knöpfe offen standen; bei bis zu 30 Knöpfen eine reife Leistung.

In der Grafschaft wurde die Männertracht allgemein bis zum ersten Weltkrieg, die Frauentracht vereinzelt bis etwa 1930 getragen.

Anfang der 1920er Jahre gab der Historische Verein Alt-Wertheim unter dem Titel „Volkstrachten aus dem Spessart“ eine Serie aus sechs Postkarten mit Fotos von Trachtenträgern aus der Grafschaft heraus:

 

Arbeitstracht in Steinmark

Alte und neue Tracht in Steinmark

Sonntagstracht in Steinmark

Alter Mann im Kirchenmantel in Michelrieth

Sonntagmorgen in Michelrieth

In Oberwittbach auf dem Weg zur Kirche

 

Text und Bilder: Ernst Dürr